• Die Trödelcrew

AUSGETRÖDELT

Eins sollte nicht vergessen werden: Jede Trödelzeit hat einmal ein Ende. Und so ist die Trödelcrew Ende August 2022 ein letztes Mal in Michelstadt unterwegs. Im Gepäck: Das finale FERIENPROGRAMM DER TRÖDELEI, das über vier Tage noch einmal einige neuralgische Verlangsamungsthemen der Odenwaldgemeinde ins Auge fasst.


Ganz vorne mit dabei auf der Neuralgieliste: Das hohe innerstädtische Verkehrsaufkommen, welches einer Stadt, die eigentlich dem Cittaslow-Gedanken folgen möchte, in absurder Weise zuwiderläuft. Zum Glück hat die Trödelcrew die Klappräder am Start und lädt alle Mittrödlerinnen und Mittrödler an zwei Nachmittagen zu BREMST MICH! ein, einer gemeinsamen, sehr langsamen Fahrradtour durch Trödeltown. Hier geben für jeweils anderthalb Stündlein einmal muskelkraftbetriebene Vehikel den Takt vor und laden ihre motorisierten Gefährten zum selbstverpflichtenden Tritt auf die Bremse ein. Die freundliche Begleitung der fröhlichen Stadtpolizei sorgt dafür, etwaig erhitzte, dem Trödelgedanken noch nicht ausreichend verbundene Gemüter zu kühlen und selbstverständlich die straßenverkehrliche Sicherheit zu gewährleisten. Ein herzliches Dankeschön an die Einsatzkräfte und alle Mitradler:innen für die gemeinsame Tour!

Wieder runter vom Rad wird postwendend ein Format fortgeführt, das sich bereits beim Trödeleinsatz im Juni großer Beliebtheit erfreute: der CHOR DER LANGSAMKEIT. Täglich wird in der finalen Trödelwoche an jeweils unterschiedlichen, öffentlichen Orten der Stadt mit Sangeslustigen aller Art das Langsamtun musikalisch geübt. Dabei trifft die Trödelcrew auf alte Bekannte wie neue Gesichter, findet einen zusätzlichen Ukuleleunterstützer und erweitert kontinuierlich das verbummelte Songrepertoire. Besonders ein aus der alevitischen Gemeinde zugetragener Ohrwurm bohrt sich ins kollektive Gesangszentrum - und hat beim sonntäglichen PICKNICKKONGRESS im Park an der Odenwaldhalle seinen großen Auftritt in multinational besetzter Runde. Diese ist der Einladung der Trödelcrew gefolgt, mit mitgebrachten Picknickdecken und Leibspeisen vorbeizukommen und in saumseliger Atmosphäre ins Gespräch zu kommen. Ein herrlich verbummelter Sonntag, der seinem Namen auch in Sachen Wetter mehr als gerecht wird!

In jenen Stunden, in denen die Trödelcrew sich nicht todesmutig in den fließenden Verkehr wirft, langsame Melodien schmettert oder anregende Picknickgesellschaften organisiert, widmet sie sich dem öffentlichen Bau einer großen, vielkantigen Problemskulptur, welche bereits in ihrer Entstehung neugierige Aufmerksamkeit generiert und zu höchst anregenden Gesprächen mit Passant:innen über Konzept, Form und Inhalt des Objektes führt.

Und dann ist es soweit: Zum Abschluss des FERIENPROGRAMMS kommt das fertiggestellte Bauwerk bei der performativen Aktion PROBLEMWÄLZEN in bester Agitpropkunstmanier zum Einsatz. Mit Unterstützung verlangsamungswilliger Menschen und begleitet von zwei anfeuernden Blasmusikanten wird gewälzt, was das Zeug hält und dabei erneut der innerstädtische Verkehr ausgebremst - ein mobiles Symbolbild, das ins Schwarze trifft; und naturgemäß nicht alle erfreut, die allzu gerne im eigentlich verkehrsberuhigten Bereich auf die Tube drücken würden. Doch mit viel Wälzschwung und gelegentlichem Überholenlassen schafft es das materialisierte Problem zum Lindenplatz, wo die offizielle LIZENZ ZUM TRÖDELN feierlich an die Stadt übergeben wird. Der CHOR DER LANGSAMKEIT und der live vor Ort gebackene VERZEHRVERKEHR machen die musikalische und kulinarische Schleife um das Gesamtprojekt, welches hiermit sein Ende findet.

So verabschiedet sich DIE TRÖDELEI von der Odenwaldgemeinde, dankt allen Mitwirkenden sowie Unterstützer:innen und macht sich beschwingt auf zu neuen Abenteuern. Und beantwortet zum Abschied gerne die in einer Perle der lokalen Presse gestellte Grundsatzfrage "Ist das Kunst oder ist das im Weg?" mit den Worten: Im besten Falle beides. Mach's gut, Michitown!


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